Am Sonntag trat der bekannte Islamprediger Pierre Vogel in Koblenz auf. Die Stadt versuchte zwar die Kundgebung zu verhinder, scheiterte damit aber vor dem Oberverwaltungsgericht. War die ganze Aufregung begründet? Ich wollte es genauer wissen und schaute mir das Spektakel an.
Als ich zum Bahnhof fuhr, erwartete ich ein ähnliches Brimborium wie bei der Nazikundgebung vor einigen Wochen: Hundertschaften Polizei, laut skandierende Gegendemonstranten und übernervöse Teilnehmer. Nichts von alldem trat ein. Ich stelle mein Fahrrad ab und sehe zunächst einen kleinen Stand von Aktivisten, die vor einer Islamisierung Deutschlands warnen.
Zwar entsprechen die Absperrungen, die den Bahnhofsvorplatz einrahmen, durchaus denen auf der braunen Veranstaltung. Aber die in weit geringerer Anzahl angerückte Polizei lässt einen Zugang offen, durch den ich sodann auch ohne jede Kontrolle durchgehe. Die Kundgebung hat bereits begonnen.
Zunächst komme ich tatsächlich an einem Grüppchen autonomer Gegendemonstranten vorbei, die ich aufgrund ihres Plakats, Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen, zunächst für Unterstützer halte. Erst ihre Zwischenrufe identifizierten sie für mich als Protestler. Eindeutiger sind da schon die Schilder eines stark untersetzten Glatzköpfigen und seiner durch Sonnenbrille und Hut unkenntlichen Begleiterin, mit der Aufschrift Menschenrechte achten, Scharia ächten!
Hinter mir höre ich wie sich zwei Polizisten über dieses Paar beratschlagen. Ich schnappe etwas von zu dünnen Halterungen und einer unterschrittenen Mindesthöhe von 1,50 m auf. Gefahrenabwehr auf Deutsch. Zwar sprechen sie kurz mit den beiden, ziehen sich dann aber wieder zurück.
Wie erwartet stehen die gläubigen Teilnehmer, streng nach Geschlecht getrennt, vor dem zur Bühne umfunktionierten LKW. Links die verschleierten Frauen, rechts die bärtigen Männer. Bei den Ordnern herrschte dann wieder Gleichstellung. Frauen und Männer in traditionellen Gewändern und Ordnerbinde am Arm laufen über den Platz und verbreiteten ein orientalisches Flair.
Ich stehe auf der linken Seite. Vor mir malen ein paar Kinder mit Kreide auf dem Boden. Als mir eine der voll verschleierten Frauen den Rücken zu dreht sehe ich, dass sie dort eine große Verzierung mit Glitzersteinen in Form zwei entgegen gesetzter Halbkreise trägt. Dieser modische Anflug will nicht so recht zum traditionellen Gewand passen.
Überall sieht man Kameras und in die Luft gehaltene Handys. Auch ich mache ein paar Aufnahmen und versuche vergeblich mich bei Facebook einzuloggen. Offensichtlich ist meine Verbindung nach oben gestört. Am Ende dieses Abends werden vier Anwesende konvertieren. Hoffentlich sind sie mit ihrer neuen Verbindung glücklich.
Auf dem LKW läuft noch das Vorprogramm. Ein junger Prediger schüttet dem Publikum sein Herz aus. Er erzählt wie der Islam sein Leben verändert und bereichert hat und er erzürnt sich über die moralische Verlogenheit der westlichen Gesellschaft. Davon wie er früher selbst beamteter Feuerwehrmann war und wie seine damaligen Kollegen ihn in einen Swingerclub einladen wollten, weil ihr junger Kollege ihnen zu prüde erschien. Der klassische Anheizer also.
Irgendwann spricht mich ein bekanntes Gesicht an. Jemand von der grünen Jugend, der wie ich einfach aus Neugier kam, und um sich selbst ein Bild zu machen. Im Videotext lese ich später von 250 Teilnehmern –erwartet wurden 3.000 wohlgemerkt. Von dieser Zahl muss man die schätzungsweise 60 Interessierten Gäste wie uns beide allerdings noch abziehen. Ich erwische mich bei dem Gedanken wenn das alles ist, was wir bei uns an …
Mein grüner Mitbetrachter meint, dass man keine Angst vor dem Islam haben muss, wenn er so ist, wie der Redner ihn beschreibt. Ich gebe zu bedenken: „Wenn er wirklich so ist“, und versuche das wenn besonders zu betonen. Er argumentiert, dass es in allen Religionen Radikale gibt und dass in der Türkei kaum eine Frau mit einem Kopftuch rumläuft.
Bevor mir ein Gegenargument einfällt deutet er auf das Scharia-Schild und sagt, dass er so etwas genauso schlimm findet. Ich verteidige das Schild damit, dass die Scharia gegen das Grundgesetz verstößt. Er erklärt, dass die Scharia nur ein Buch sei und dass man dann auch das Alte Testament verbieten müsse. Ich merke, dass ich gegen so viel Gutmenschentum nicht ankomme und stimme zu.
Dann kommt er endlich – Pierre Vogel. Ich bin ein wenig enttäuscht, dass er ein normales Hemd trägt und kein Gewand. Hatte ich mir anders vorgestellt. Nun gut, da steht er also, der Islamist, der Verfassungsfeind, der Hass-Prediger. Da steht er und sagt erst mal … nichts.
Es dauert eine Weile bis er mit der Begrüßung beginnt. Zunächst die Gläubigen, dann die restlichen Anwesenden. Seine Rede ist recht leicht durchschaubar. Zuerst gibt er sich versöhnlich. Dankt dem Oberverwaltungsgericht für seine Entscheidung und freut sich über die Chance zum Dialog. Gefolgt von der Klage über seine falsche öffentliche Darstellung durch, wie soll es anders sein – Medien und Politik.
Dann kalauert er rum: Man müsse ihm eigentlich dankbar sein, dass er so viele Jugendliche von der Straße hole. Gebe man ihm zwei Monate Kreuzberg, gingen die Verbrechen dort um 90% zurück. Er juchst, in zehn Jahren bekäme er den Friedensnobelpreis. Ich juchse mit. Was Obama kann, könne er schon lange. Ich juchse nicht mehr. Nach bin Ladens Tod wollte er eine Andacht für den Terrorfürsten abhalten und jetzt vergleicht er sich mit dessen Vollstrecker?
Doch weiter geht es mit der Charmeoffensive: Er erzählt von seinem Übertritt zum Islam und das er früher ein ganz normaler Deutscher war (kennen wir ja schon, allerdings Fan vom 1. FC Köln, nicht Feuerwehrmann). Er lacht viel und sagt, dass er immer gut drauf ist, selbst wenn er schlecht drauf ist. Grün quittiert das mit: „Fragt sich wo drauf?“
Dann beklagt er sich über Islamkritiker, die keine Ahnung von seiner Religion hätten. Wir lernen dass es nicht Mo-hamm-ed sondern Mo-hammed heißt. Der gleiche Kritiker habe dann auch noch behauptet, eben dieser Mo-hamm-ed habe 60 Kriege mit jeweils 10.000 Opfern geführt. Vogel erklärt, dass es nur drei Kriege waren und es auch keine 60.000 Opfer gab. Grün bemerkt den Rechenfehler. Ich nicht.
Als nächstes erzählt er einige Koranstellen, die Mo-hammed voller Güte und Gnade darstellen. Dann zitiert er ein paar Stellen, bei denen zum kämpfen und abschlachten aufgerufen wird und stellt sodann klar, dass es sich um Zitate aus dem Alten Testament handelt, verbunden mit der Beschwerde, dass solche Textstellen von Christen immer verschwiegen werden. Grün durchschaut, dass er es genauso macht.
So geht das eigentlich die ganze Zeit. Er sagt, dass alle Nichtgläubigen für immer in der Hölle schmoren werden – aber nur aus Sorge um eben jene verlorenen Seelen. Er sagt, dass der Islam die einzig wahre Religion ist – und dass alle anderen das selbstverständlich auch von sich behaupten. Er sagt etwas provokantes, um es gleich wieder zu relativieren. Grün analysiert: „Er sagt nichts zitier fähiges“.
Man kann wohl nicht über den Islam sprechen, ohne das Kopftuch zu erwähnen – auch Vogel nicht. Man könne ja die Frauen hier fragen, ob sie jemand zwinge, ein Kopftuch zu tragen. Die rechte Seite jubelt. Grün bemerkt, dass von den Frauen kaum eine mitjubelt und dass es ja nicht nur einen persönlichen, sondern auch einen gesellschaftlichen Zwang gebe. Mir fällt auf, dass es überhaupt die erste Stelle war, bei der zumindest ein paar Frauen mitgejubelt haben.
Aber wirklich Spannung kommt nur einmal auf. Vogel hat einen Disput mit einem der Protestler. Weil ich dessen Einwürfe nicht hören kann, verstehe ich nicht worum es dabei geht. Aber ich verstehe die Begeisterung seiner Anhänger. Da vorne steht jemand, der ihre Religion, ihre Lebensweise lautstark verteidigt. Und auch sie dürfen heute einmal laut sein. Ihn und sich feiern.
Ich frage mich, wie wohl die Passanten gucken, wenn man im Schleier durch die Stadt läuft. Was wohl die Kollegen denken, wenn man auf der Arbeit betet? All diese Ausgrenzungen und Schmähungen, all das Unverständnis. Ist das der Boden auf dem Vogels Erfolg gründet? Auf dem Plakat hinter ihm steht: „Was ist der Sinn des Lebens?“ Die Frage bleibt unbeantwortet.
Nach 50 Minuten kommt er zum Ende. Der Platz wird immer leerer. Die Kinder vor mir werden langsam ungeduldig und fangen an sich mit der Kreide zu bewerfen. Es bleiben die einzigen Gewaltausschreitungen. Eine Mutter nimmt ihr quengeliges Kind in den Arm und verabschiedet sich von ihrer Freundin. Dann setzt sie das Kleine in den Kinderwagen und rollt mit ihrem Mann von dannen. Auch Grün verabschiedet sich.
Dafür kommt ein anderer Grün. Abdur Raheem Green, um genau zu sein. Ein Prediger aus England. Vogel übersetzt. Green stellt zunächst nur Fragen. „Do you know what the word islam means?”, “Do you know what submission means?” Dann fragt er ob jemand Easy Rider gesehen hat und erklärt, dass Freiheit für ihn bedeutet, ohne Helm Motorrad zu fahren und den Wind in seinen Haaren zu spüren. Und das er das nicht machen kann, weil es verboten ist.
So geht das noch eine Weile. Irgendwann kommt er zum Punkt. Überall gibt es Verbote und immer wieder muss man etwas tun, was einem nicht gefällt. Sei es zum Broterwerb oder zum Eheerhalt. Dann vergleicht er dies mit einem Sklaven, der mehreren Herren zu dienen hat und fragt, ob es nicht viel schöner wäre, nur einem Herren zu dienen. Mir leuchtet diese Logik nicht ein. Es ist halb neun und ich beschließe nach Hause zu fahren, ohne Helm.


