Copy and Paste

Er war DER Aussteiger der CDU. Überflieger, und Zukunftshoffnung seiner Partei. Dann kam raus, dass er in seiner Doktorarbeit geklaut hatte und Andres Kasper wurde abgewählt. Das war letztes Jahr, im nordrheinwestfälischen Lippe. Ein Jahr später, im bundespolitischen Berlin, sieht man das offenbar nicht mehr so eng. „Schließlich“, so die Kanzlerin, „habe sie ja keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt, sondern einen Verteidigungsminister“. Die eigentliche Frage lautet nicht, muss er zurücktreten? Viel interessanter ist die Frage warum er es nicht muss.

Oft kopiert, nie gereicht

Bisher ist Gutenberg vor allem durch Glaubwürdigkeit aufgefallen. Sei es sein Rücktrittsangebot während der Opelkrise, die Bezeichnung des Afghanistaneinsatzes als Krieg oder der offene Umgang mit der Reformbedürftigkeit der Bundeswehr. Das Vertreten unbequemer Positionen machte ihn zum Antipolitiker. Die Angriffe seiner Gegner wirkten da wie die Reflexe des Establishments und so wurde ausgerechnet aus dem Adligen ein Volkstribun.

Seinen Gegnern freilich war die Beliebtheit des Freiherrn ein Dorn im Auge. Jede Lappalie wurde maximal aufgeblasen:

Meinungswechsel in der Kundus-Affäre: Ein Irrtum – zweifellos. Aber dass er sich als Verteidigungsminister zuerst einmal hinter seine Soldaten stellt, kann man ihm nicht ernsthaft zum Vorwurf machen. Zudem war er da erst ein paar Wochen im Amt. Üblicherweise gewährt die Opposition 100 Tage Schonfrist.

Geöffnete Feldpost: Ohne Frage ein Skandal. Aber ganz sicher keiner, an dem der Minister Schuld wäre. Schließlich gab es ja keine Dienstanweisung zum öffnen der Post. Die Soldaten geben ihm dafür nicht die Schuld, warum tut es also die Opposition?

Gorch Fock: Malträtur und Meuterei auf einem Ausbildungsschiff der Bundeswehr. Der Minister entzieht dem Kapitän das Kommando und die Opposition beklagt die Vorverurteilung.

Letztlich teilen Minister und Opposition das gleiche Schicksal: Beide sind Opfer ihres eigenen Ehrgeizes. Dass es der Opposition jetzt nicht gelingt, den Minister abzuservieren, kann man auch als eine Form später Gerechtigkeit deuten.

Adel vergiftet

Aber wäre er auch noch in Amt und Würden, wenn er nicht so beliebt wäre? Wenn wir kein Superwahljahr hätten?  Viel interessanter als diese ist die Frage ob sein Verbleib der Union überhaupt nützt.

Gutenberg war für die Union mehr als nur ein beliebtes Wahlkampfzugpferd. Er war eine Blaupause. Er stand als Adeliger für die klassisch konservativen Werte Familie und Tradition. Aufgrund seines Alters und seiner Reformfreudigkeit aber auch für Zukunft und Erneuerung.

Er vereinigte in seiner Person eigentliche Widersprüche, verkörperte einen modernen Konservatismus, einen bürgerlichen Adel, einen kameradschaftlichen Oberbefehlshaber, einen unabhängigen Parteipolitiker. Das machte seine Faszination aus. Das war sein Erfolgsgeheimnis. Und das geht nur mit unbedingter Authentizität.

Es war ausgerechnet sein Großvater, der in seiner Biographie einst schrieb: „Am Ende zählt, ob er ist, was er vorgibt zu sein“. Der Titel des Buches führt seinen Enkel ad Absurdum: Fußnoten.

Und damit nicht genug. Was wenn die Uni Bayreuth feststellt, dass er getäuscht hat? Was wenn die Staatsanwaltschat Ermittlungen aufnimmt? Was wenn doch noch ein Ghostwriter auftaucht?

Dann hat sich die Kanzlerin und mit ihr die ganze Union an die Seite eines Kriminellen gestellt. Und selbst wenn all das nicht eintritt, die Milde mit Gutenberg könnte bei vielen Stammwählern als Verrat an den bürgerlichen Werten verstanden und von der breiten Bevölkerung als weiteren Schwarz-Gelben Einsatz für „die da oben“ gesehen werden.

Dann heißt es bei den nächsten Wahlen: Mit gehangen, mit gefangen. Auch das wäre dann eine Form von später Gerechtigkeit.

PS.: „Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt“ – Angela Merkel in ihrem Podcast.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s